28.08.2015 Gast

Was hat den Verfall des Börsenstrompreises wirklich verursacht?

Seit 2007 hat sich der Strompreis an den Börsen fast halbiert – mit weitreichenden Folgen für die Kraftwerksbetreiber. Lange galt der Ausbau Erneuerbarer Energie als Hauptursache für den Preisverfall. Doch ihr Anteil beträgt gerade einmal elf Prozent. Die Gründe liegen woanders.

Der Börsenpreis von Strom hat sich seit 2007 fast halbiert. Warum? Der Phasenprüfer-Blog berichtete bereits von RWEs Analyse zu dieser Frage, nun ist dazu ein neues Arbeitspapier der Uni Duisburg-Essen erschienen. Achtung Spoiler: Die Erneuerbaren waren nicht die Hauptursache.

Während Haushalte für Strom rund 30 ¢/kWh zahlen, bekommen Kraftwerksbetreiber an der Börse nur ein Zehntel dieses Preises (die Differenz besteht vor allem aus Netzentgelten, Steuern und Abgaben). Während der Strompreis für Haushalte in den vergangenen Jahren stetig stieg, sank der Börsenpreis dramatisch. Die Konsequenz: Kraftwerksbetreiber verdienen immer weniger, was sich in roten Bilanzzahlen niederschlägt (nicht nur bei E.On und RWE).

Die Strombörse besteht aus einem kurzfristigen Spot-Markt und längerfristigen Terminmarkt. Die Terminmarktpreise entsprechen den Erwartungen der Händler für die Zukunft. Im Jahr 2007 startete der Handel für Stromlieferungen für das Kalenderjahr 2014, der sogenannte „CAL-14 Future“. Damals erwartete der Markt einen durchschnittlichen Strompreis von 61 €/MWh (oder 6.1 ¢/kWh). Am letzten Handelstag dieses Produktes, dem 30.12.2013, war die Preiserwartung auf unter 38 €/MWh gefallen: Ein Preisverfall von fast 40%. Auf zur Ursachenforschung…

Abbildung 1: Zwischen 2007 und 2013 ist der Strompreis (Base-Future für 2014) um 40% gesunken.

Der Markt berücksichtigt bei der Preisbildung bereits alle erwarteten Änderungen in der Zukunft. Beispielsweise war 2007 schon abzusehen, dass eine Reihe von neuen Kraftwerken gebaut würden. Dieser Zubau war damals also bereits eingepreist. In den folgenden sechs Jahren müssen also unerwartete Änderungen eingetreten sein, die den Strompreis um fast 40% gedrückt haben. In der öffentlichen Diskussion wird oft der rapide Ausbau erneuerbarer Energien als Ursache genannt, etwa in der ZEIT: „Der Anstieg des grünen Stroms führt dazu, dass RWE mit seinen Kraftwerken kaum noch Geld verdienen kann.“ Oder aktuell in der F.A.Z.: „Weil Wind- und Sonnenstrom Vorfahrt in den Netzen genießen und die Kraftwerkskapazitäten den Bedarf bei weitem übersteigen, gehen die Großhandelspreise in den Keller.“ Doch hält diese These einer Überprüfung stand?

Tatsächlich gab es seit 2007 eine ganze Reihe von Überraschungen mit potentiell signifikantem Einfluss auf den Börsenpreis von Strom:

  • Als Folge der Rezession sank die Stromnachfrage anstatt langsam zu wachsen, wie zuvor üblich.
  • Der Preis für CO2-Zertifikate ging dramatisch zurück.
  • Brennstoffe, insbesondere Steinkohle, wurden deutlich günstiger.
  • Mit der Laufzeitverlängerung von 2010 und dem Atomausstiegsbeschluss von 2011 änderten sich die erwarteten Laufzeiten der Kernkraftwerke. Da 2007 noch der erste Ausstiegsbeschluss galt, ist der Nettoeffekt dieser beiden gegenläufigen Überraschungen jedoch begrenzt.
  • Durch die engere Anbindung Deutschlands Nachbarländer im „Market coupling“ kann mehr Strom international gehandelt werden.
  • In der Tat war der Zubau an Erneuerbaren Energien stärker als erwartet, insbesondere die Stromerzeugung aus Sonnenenergie.

In Zahlen ausgedrückt änderten sich die Erwartungen wie folgt:

 

Erwartung Dezember 2007 für 2014

Erwartung Dezember 2013 für 2014

Quelle

Stromverbrauch

644 TWh

604 TWh

IEA

Solarerzeugung

6 TWh

37 TWh

BMU Leitstudie

Winderzeugung

54 TWh

56 TWh

BMU Leitstudie

Kohle

10 €/MWh

9 €/MWh

Terminmarkt

Gas

27 €/MWh

29 €/MWh

Terminmarkt

CO2

25 €/t

5 €/t

Terminmarkt

Außer dem leicht gestiegenen Gaspreis entwickelten sich alle Faktoren in Richtung eines niedrigeren Strompreises: weniger Nachfrage, mehr EE-Erzeugung, günstigere Kohle, billigere CO2-Zertifikate. Kein Wunder also, dass der Strompreis sank. Die spannende Frage lautet: Wie groß ist der Einfluss jedes einzelnen dieser Faktoren?

Thomas Kallabis und seine Koautoren verwenden ein fundamentales Strommarktmodell, um den Einfluss jedes Faktors einzeln zu quantifizieren. Im ersten Schritt überprüfen sie, ob das Modell die Erwartungen des Strompreises für 2014 im Basisjahr 2007 replizieren kann. Es kann. Im zweiten Schritt testen sie, ob das Modell auch im Zieljahr 2013 den Strompreis replizieren kann – es kann. Modellvalidierung bestanden.

Gesunkene CO2-Preise Hauptursache für Preisverfall

Nun ersetzen sie für jeden Einflussfaktor einzeln die Erwartungen aus dem Basisjahr mit der aus dem Zieljahr. Es wird also folgendes Gedankenexperiment durchgespielt: Was wäre der Strompreis 2014 gewesen, wenn alle Erwartungen von 2007 tatsächlich eingetroffen wären (Nachfrage, Brennstoffpreise, CO2-Preis), außer der Erneuerbaren-Zubau? Dieses Verfahren wird vier Mal wiederholt, für jeden Faktor einzeln.

Das dramatische Ergebnis: Der unerwartet schnelle Zubau von Erneuerbaren Energien ist lediglich für 11% des Preisrückgangs verantwortlich. Niedrige Brennstoffpreise verantworten weitere 10%, der geringere Stromverbrauch weitere 16%. Mehr als die Hälfte des Preisverfalls beim Strom geht auf das Konto gesunkener CO2-Preise.

Abbildung 2: Der Verfall des CO2-Preises erklärt alleine mehr als die Hälfte des Preisverfalls an der Strombörse.

Diese Ergebnisse an sich sind spannend und überraschend. Aus ihnen lassen sich eine Reihe von unterschiedlichen Schlussfolgerungen ziehen: Um die Preisschwankungen nicht noch zu verstärken, sollte die Politik sich so weit wie möglich aus dem Marktgeschehen heraushalten. Ein Markt mit derartigen Risiken ist besser geeignet für internationale Unternehmen als für Stadtwerke. Oder: Ist angesichts dieser Unsicherheiten ein Kapazitätsmarkt oder eine Fortführung des EEG nicht doch der effizientere Investitionsanreiz?

Gerade das letzte Argument lässt sich aber auch anders wenden: Der massive Einfluss des CO2-Preises verdeutlicht, wie wichtig es ist, den europäischen Emissionshandel zu stabilisieren, um konsistente Preissignale für den Umbau des Energiesystems zu erhalten. Nach „Backloading“ und „Market Stability Reserve“ wird für die Zukunft eine Governance-Struktur benötigt, die langfristig glaubhaft ein (ansteigendes) Preisband für CO2-Zertifikate signalisiert – beispielsweise gestützt durch eine Art Europäische (oder globale) Zentralbank für den Zertifikatehandel.

Über die Autoren:

Christoph Weber ist Professor für Energiewirtschaft an der Universität Duisburg-Essen. Er befasst sich insbesondere mit dem Elektrizitätsmarkt und den Herausforderungen, die sich aus der Zunahme der Erneuerbaren Einspeisung ergeben.

 

Lion Hirth leitet das energiewirtschaftliche Beratungsunternehmen Neon und forscht am MCC

Diesen Beitrag haben wir mit freundlicher Genehmigung von www.phasenpruefer.org übernommen, einem unabhängigen Berliner Energiepolitik-Blog.

Steckdose

Warum wird dann der Strompreis für den Verbraucher nicht billiger ?????????????????
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