07.10.2015 Jakob

Deutschlands Stromexport stellt neue Rekorde auf

Die deutsche Energiewirtschaft steuert 2015 erneut auf einen Rekordüberschuss beim grenzüberschreitenden Handel mit Strom zu. Kein Wunder: Elektrizität aus Erneuerbaren Energien sorgt für hohe Überschüsse. Diese, so ein Vorwurf, würden zu Spottpreisen ins Ausland veräußert. Simmt der Vorwurf?

Deutschland hat 2014 erneut einen Rekord beim Stromexport aufgestellt. Nie zuvor wurde so viel Elektrizität exportiert, und nie zuvor gab es einen so hohen Überschuss an Strommengen wie im Vorjahr. Die Erlöse aus dem Stromexport gingen allerdings aufgrund sinkender Strompreise leicht zurück, und auch die Preisdifferenz zwischen dem höherwertigen Exportstrom im Vergleich zum Importstrom ist gesunken. Doch nach wie vor bringt der Strommarkt den Deutschen per Saldo erhebliche Einnahmeüberschüsse, sie lagen 2014 bei 1,75 Milliarden Euro. Dies geht aus einer Auswertung der Datenbank des Statistischen Bundesamts (Destatis) durch den Phasenprüfer hervor. Auch in diesem Jahr setzt sich der Trend fort: Im ersten Halbjahr 2015 wurden laut den Destatis-Daten gut 40 Terawattstunden (TWh) Elektrizität exportiert, dagegen nur rund 17 TWh importiert. Sowohl bei der Gesamtmenge als auch beim Exportüberschuss bahnt sich ein weiteres Rekordjahr an. Ob es so kommt, muss man jedoch erst noch einmal abwarten.

Stromleitungen ins Ausland keine Einbahnstraßen

Auf 2014 kann man jedoch einen abschließenden Blick werfen und mit der Vergangenheit gut vergleichen. Deshalb habe ich den Blick bei der Auswertung vor allem auf langfristige Trends gerichtet und einige Grafiken aus den Rohdaten erstellt.

Der Stromexport hat 2014 erneut knapp einen Rekord aufgestellt. Er lag bei rund 74 TWh, gut 2 TWh mehr als 2013. Im Vergleich zum Jahr des Atomausstiegs 2011 ist das ein drastischer Anstieg um rund 20 TWh. Importiert wurden dagegen nur knapp 38 TWh. Der Überschuss lag damit bei 36 TWh, was etwa dem halben Stromverbrauch Österreichs entspricht. Oder, anders betrachtet: Es wird fast doppelt soviel ex- wie importiert. Die Stromleitungen ins Ausland sind keine Einbahnstraßen (bis auf die Leitungen in die Niederlande, die fast nur zum Export dienen), aber der Gegenverkehr ist deutlich dünner. Zum Vergleich: Seit dem Jahr 2011, als die ältesten acht Atommeiler zwangsabgeschaltet wurden, hat sich der Exportüberschuss versechsfacht. Historisch betrachtet sind solche Zustände in ihrer Größenordnung allerdings auch nicht gänzlich unbekannt: 2006 lag der Exportüberschuss bei rund zwei Dritteln des heutigen Wertes.

Außenhandel Deutschlands mit Elektrizität

Quelle: Destatis, eigene Berechnungen; Doppelklick für Großansicht

Der Stromexport trägt damit seinen Teil zum sehr hohen Außenhandelsüberschuss Deutschlands bei. Der Überschuss im Handel mit Elektrizität lag 2014 bei gerundet 1,75 Milliarden Euro, das sind immerhin 22 Euro pro Bundesbürger. Strom für 3,45 Milliarden Euro wurde ins Ausland verkauft, während 1,71 Milliarden Euro für Importe bezahlt werden mussten. Das ist etwas weniger als noch im Rekordjahr 2013, als der Außenhandelsüberschuss bei 1,94 Milliarden Euro lag.

Quelle: Eigene Berechnungen basierend auf Destatis; Doppelklick für Großansicht

Aus den physikalischen Handelsströmen und den Export- und Importeinnahmen des Destatis lässt sich auch der durchschnittliche Export- und Importpreis für Strom berechnen, er liegt bei gut viereinhalb Cent pro Kilowattstunde. Interessant: Nach wie vor erzielt Deutschland pro Kilowattstunde beim Verkauf ins Ausland einen höheren Preis als andersherum. Davon, dass wir unseren Strom ins Ausland „verschenken“ müssen, kann trotz in wenigen Stunden pro Jahr negativer Strompreise an den Handelsplätzen also keine Rede sein. Der nach wie vor etwas höhere Exportportpreis im Vergleich zum Import pro Kilowattstunde zeigt, dass trotz Energiewende und des massiven Ausbaus fluktuierender Grünstromquellen vergleichsweise „hochwertiger“ Strom in Deutschland produziert wird, der gut bezahlende Abnehmer findet. Allerdings ist der Überschuss pro Kilowattstunde tendenziell eher gesunken. 2006 lag er bei mehr als einem Cent pro Kilowattstunde, dieser Wert ist mittlerweile auf etwa ein Siebtelcent geschrumpft. Insgesamt ging es sowohl mit den Export- wie Importpreisen bergab, was angesichts des massiven Preisverfalls bei Strom auch keine Überraschung darstellt.

Strompreis Import und Export

Quelle: Eigene Berechnungen basierend auf Destatis; Doppelklick für Großansicht

Was sagen uns die Ergebnisse insgesamt? Zunächst einmal, dass sich die Befürchtungen, Deutschland werde durch den Teilausstieg aus der Atomkraft von Stromimporten aus dem Ausland abhängig, als Unsinn herausgestellt haben. Das Gegenteil ist eingetreten: Die Stromexporte steigen durch die Energiewende immer weiter an. Da zum Beispiel der deutlich gesteigerte Solarstrom trotz eines langfristig drohenden starken Preisverfalls zur Mittagsspitze nach wie vor relativ hohe Verkaufspreise an der Börse erzielen kann, hat der Ausbau der erneuerbaren Energien zu einem Stromexportschub geführt. Auch die Windkraft liefert tendenziell tagsüber mehr Strom. Die ausländischen Märkte können sich also genau zu den Zeiten, wo die Nachfrage und damit die Preise relativ hoch sind, am dann vergleichsweise günstigen deutschen Markt bedienen.

So interessant die Zahlen sind – es ist wichtig, zu beachten, dass es sich dabei um bilanzielle Ergebnisse handelt. Sie sagen zum Beispiel wenig darüber aus, ob der deutsche Kraftwerkspark jederzeit die Nachfrage problemlos bedienen kann und erst recht liefern sie keine Aufklärung über regionale Defizite. Auch im Krisenjahr 2012, als es in Süddeutschland sehr eng wurde mit der Stromversorgung, was schließlich zum Abschaltverbot für Kraftwerke führte, wurden zum Beispiel deutliche Exportüberschüsse erzielt. Die pauschale Aussage, die Stromexporte belegten, dass die Energiewende keinerlei Probleme bei der Versorgungssicherheit mit sich bringe, ist jedenfalls aufgrund dieser Zahlen nicht zu treffen.

Bildergalerie: So stylisch können Strommasten aussehen

  • "Helix" ist vor allem bei Nacht ein echter Hingucker. Entwickelt haben das Modell die schwedischen Designer von ANBArch. Helix fügt sich gut in die Landschaft ein und dürfte auch im urbanen Umfeld punkten (© GRID EXPO).

  • Fügt sich perfekt in die Landschaft ein: die "Mirrow Wall" von Erik Bystrup. Die Oberfläche besteht aus poliertem Edelstahl und bildet ähnlich wie ein Spiegel die umliegende Landschaft ab (© GRID EXPO).

  • Wirkt animalisch: das Modell "Arphenotype" von Dietmar Köring GRID EXPO).

  • Der Südkoreaner Yong-Ho Shin konnte mit dem Modell "Superstring" 2008 bei einem isländischen Wettbewerb den zweiten Preis einheimsen. Die Form des 27 Meter hohen Masts ist nicht nur ansehnlich, sondern auch praktisch. Denn die Form ist besonders windschnittig und kann so auch extremen Wetterlagen trotzen (© GRID EXPO).

  • Auf das Wesentliche reduziert: der Strommast "Germogli" (© GRID EXPO).

  • Der "Stealt Pylon" verschmilzt nahezu mit der ihn umgebenden Landschaft. Auch hier sorgt polierter Stahl mittels Spiegelungen für den Effekt. Ein weiterer Entwurf aus dem Hause Bystrup (© GRID EXPO).

  • "Flower Tower" heißt dieser Entwurf von Gustafson Porter (© GRID EXPO).

  • Gleicher Name, anderes Konzept: Der "FLOWERtower" von W+M Architectes erinnert an eine Schlingpflanze. Durch seine Form wirkt er futuristisch und natürlich zugleich (© GRID EXPO).

  • 2in1: Das Modell "Iceland Pylon" taugt nicht nur als Strommast. Integriert ist auch eine 380.000 kWh Windturbine. Entworfen hat das Modell der Chinese Tony Leung (© GRID EXPO).

  • Dieses Modell trägt den Namen "Icelandic Curve". Das Design stammt aus der Feder der Berliner Architekten von magma architecture (© GRID EXPO).

  • Die "Migrant Masts" von Rever & Drage Architects muten düster und fragil an. Die grazilen Beine bestehen aus Holz. Die mit LEDs beleuchteten Kuben auf der Spitze sind echte Hingucke (© GRID EXPO).

  • Ein weiterer Entwurf von Erik Bystrup: das Modell "T-Pylon". Mit einer Höhe von 32 Metern und einem Gewicht von 20 Tonnen fällt es im Vergleich zu den üblichen Hochspannungsmasten bescheiden aus (© GRID EXPO).

  • Gitter einmal anders: Das Model "Twist" der dänischen Architekten Andersen & Sigurdsson ist eine Hommage an die umliegende Landschaft. Der Mast soll einer Figur in Bewegung gleichen und so der sich ebenfalls ständig verändernden Landschaft Respekt zollen  (© GRID EXPO).

Interessant wäre im Übrigen die Auswertung der Handelsbilanzen mit einzelnen europäischen Nachbarländern und insbesondere die saisonalen Schwankungen. Eine erste stichprobenartige Auswertung der Zahlen hat bestätigt, dass die alten zentraleuropäischen Handelsströme weiter intakt sind. Deutschland versorgt zu erheblichen Teilen die Niederlande mit Strom und hilft im Winter Frankreich dabei, seine durch Stromheizungen in absurde Höhen getriebene Spitzenlast zu decken.

Thorsten Zoerner hat auf seinem blog.stromhaltig.de eine gute Übersicht über die Verteilung innerhalb des Jahres und die Stromimport und -exportmengen in der Aufschlüsselung nach Ländern erstellt. Die Auswertung basiert anders als diese Analyse auf den Zahlen der europäischen Stromnetzbetreiber (Entso-E), die nicht die Finanzströme im Außenhandel mit Strom erfassen.

Dieser Beitrag stammt von unserem Gastblogger Jakob Schlandt. Er ist Mitherausgeber des unabhängigen Berliner Energiepolitik-Blogs www.phasenpruefer.org. Jakob Schlandt hat jahrelang als Redakteur bei Berliner Zeitung und Frankfurter Runschau gearbeitet und berichtet ebensolange über den Energiesektor. Seit Mai 2013 ist er freischaffend tätig. Wir haben den Beitrag mit freundlicher Genehmigung von www.phasenpruefer.org übernommen.

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