19.03.2015 Gast

lit.Cologne: Avi Primor im Atrium der RheinEnergie

Natürlich waren es auch die großen Themen, die zur Sprache kamen: Britische Mandatszeit in Palästina, Staatsgründung in Israel, Sechstagekrieg, Siedlungsbau. Der Abend mit Avraham („Avi“) Primor und Frank Schätzing in unserem Atrium im Rahmen der lit.Cologne bot noch weit mehr als die Aufarbeitung weitgehend bekannter Meilensteine.

Interessante Gespräche zwischen David Ben Gurion, einem der ersten israelischen Präsidenten, und dem französischen Präsidenten Charles de Gaulle am Rande der Beerdigung Adenauers? „Das war Jahre später Inhalt eines langen Interviews, das Ben Gurion gegeben hat. Nur: Das Gespräche mit de Gaulle hat nie stattgefunden.“ So etwas erlebt man eben als Sprecher der Botschaft in Frankreich. Und kann es Jahre später schmunzelnd in seiner Autobiographie schildern.

Kritische Beobachter

Primor, geboren als formal britischer Staatsbürger 1935 im englischen Mandat Palästina wuchs in Tel Aviv auf. Wir haben uns bereits in dieser Zeit gefühlt wie in einem jüdischen Staat, wir lebten nur unter Juden.“ Seine Mutter, in Deutschland geboren, blieb 1932 kurzerhand im Land. Der Grund: Ein junger Diamantenschleifer mit niederländischen Wurzeln. „Anfangs hatten meine Eltern noch keine gemeinsame Sprache, aber die brauchten sie wohl auch nicht so sehr“, pointierte Primor trocken, um dann nachdenklicher hinzuzufügen: „Ihre Weigerung, nach Hause zu kommen, hat ihr das Leben gerettet, denn ihre ganze Familie ist im Holocaust umgekommen.“

Frank Schätzing und Avi Primor

Verhältnis zu Deutschland

Mit 27 Jahren war Avi Primor bereits Botschafter in Afrika und kämpfte dafür, dass der junge Staat Israel Wirtschaftsbeziehungen in der Welt aufnehmen konnte. Über sein Verhältnis zu Deutschland: „Damit wollte ich nichts zu tun haben.“ Erst die Begegnung mit einem jungen Deutschen, ebenfalls auf diplomatischer Mission in Afrika, änderte seine Haltung. Es war Klaus von Amsberg, der spätere Mann der niederländischen Königin, der ihm deutlich machte, dass die Deutschen sich sehr wohl ihrer Verantwortung für die Greuel des Holocaust bewusst sind. Sein weiterer Lebensweg führte ihn über Stationen bei der EU und in Belgien, über die Botschaft in Paris schließlich zum Abschluss seiner diplomatischen Karriere für fast zehn Jahre nach Deutschland, wo er als Botschafter noch einmal ein völlig neues Deutschlandbild gewann.

„Frieden ist nur möglich, wenn alle in Würde leben können“

Heute engagiert er sich vor allem für den Ausgleich zwischen Israelis und den palästinensischen Nachbarn. Dafür hat er sich im eigenen Land nicht nur Freunde gemacht. Denn Primors Lösungsvorschläge klingen ebenso radikal wie einfach: „Erst wenn die Araber, wenn die Palästinenser in Würde und frei neben uns leben können, wird Frieden überhaupt möglich sein“, sagte er. „Einen solchen Prozess können beide Völker alleine und aus sich heraus nicht gestalten. Dazu bedürfen wir internationaler Hilfe.“

 

Nur wenn die Israelis das Vertrauen haben könnten, dass sie sicher sind, kann es Frieden geben; dafür gebe man auch gerne Land zurück an die Palästinenser.

Ein interessanter Abend, auch wenn er den Zuhörern einiges an Geduld abverlangte; eine gelungene Premiere der lit.COLOGNE an einem neuen ungewöhnlichen Veranstaltungsort. Und ein Zeitzeuge der jüngeren Geschichte, wie man ihn wohl nur selten so hautnah erlebt.

Dieser Beitrag stammt von unserem Kollegen Christoph Preuß. Bei Fragen oder Anregungen könnt ihr ihn unter c.preuss@rheinenergie.com erreichen.

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